Vortrag: Der Zwang -

Einführungsvortrag zum Symposium „JA, ABER … DER ZWANG UND DIE PSYCHOANALYSE“ der wissenschaftlichen Gesellschaft der Arbeitskreise für Psychoanalyse in Österreich, Freiberg, am 24. und 25.2.2012 in Salzburg

Der Zwang – „ein tolles Leiden“

Eine weitere Paraphrase des Rattenmannes

Es war Sigmund Freud, der die verschiedenen Erscheinungen des Zwangs erstmals als eigenes Krankheitsbild, der Zwangsneurose, beschrieben hat.

„Das ist doch gewiss ein tolles Leiden. Ich glaube der ausschweifendsten psychiatrischen Phantasie wäre es nicht gelungen, etwas dergleichen zu konstruieren, und wenn man es nicht alle Tage vor sich sehen könnte, würde man sich nicht entschließen, daran zu glauben.“ (Freud,1917a, 260)

Staunend blickt er hier in den „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ (1917) auf die Architektur zwangsneurotischer Symptombildung, als stünde der Forscher vor einem Naturwunder oder doch eher vor einem Wunder menschlicher Kreativität.
Er meint weiter, dass „die krankhaften Vorstellungen, Impulse und Handlungen in den einzelnen Formen und Fällen der Zwangsneurose unterschiedlich hervortreten, aber das Gemeinsame dieser Formen unverkennbar genug“(ebd.) sei. Hauptcharakter der Krankheit ist für Freud „die Verschiebbarkeit aller Symptome“(ebd.). Die verdrängten Triebwünsche und die verdrängenden internalisierten Verbote führen zu Kompromißbildungen, die sich in Zwangssymptomen äußern. Neben dem Zwang „macht sich auf intellektuellem Gebiet der Zweifel geltend, der allmählich auch das für gewöhnlich Gesichertste annagt. Das Ganze läuft auf eine immer mehr zunehmende Unentschlossenheit, Energielosigkeit und Freiheitsbeschränkung hinaus.“ (ebd.)

Über Analität

In der „Disposition zur Zwangsneurose“ (1913), ergänzt Freud sein psychosexuelles Entwicklungsschema, das bis dahin vom Autoerotismus über den Narzissmus zum Primat der Genitalität gelangte, um die „prägenitale Sexualordnung“, die von analerotischen und sadistischen Partialtrieben beherrscht wird. Die Zwangsneurose hat hier ihre Fixierungsstelle. Die Regression auf die analsadistische Stufe ist das Wesen des Zwangs. Freud zeigt in „Über Triebumsetzungen und Analerotik“ (1917), sehr anschaulich wie durch eine Regression der Genitalorganisation alle ursprünglich genital konzipierten Phantasien ins Anale versetzt werden: Der Penis wird durch die Kotstange, die Vagina durch den Darm ersetzt. Die Vorstellung des Verhältnisses zwischen dem Penis und den von ihm ausgefüllten Schleimhautrohr der Vagina findet sich ja schon in der prägenitalen, sadistisch-analen Phase vorgebildet, wo die Kotstange als Vorläufer des Penis die Schleimhaut des Enddarms reizt.

Diese Konstruktion greift Bela Grunberger (1965) mit seiner These auf, dass es „der fundamentale, vorherrschende Trieb des Zwangskranken“ sei, sich den väterlichen Penis anzueignen. Er meint, dass „die anale Phantasie auf einer bestimmten Ebene immer die Phantasie einer mehr oder weniger schuldbesetzten Introjektion des Penis verbirgt, so als wäre das anale Zusammentreffen eines Inhaltes und eines Behälters (d.h. eine Art archaischen Koitus) auf dieser Stufe der Prototyp jeder Objektbeziehung.“ (ebd. 50). Die Eroberung des väterlichen Penis erfolgt also durch das schuldhafte Phantasma der analen Kastration des Vaters, als Gefangennahme seines Penises durch den After. Das ist eine weit verbreitete Phantasie in der Zwangsneurose meint Grunberger. „Der Zweifel des Zwangskranken bezieht sich offenbar auf einen inneren Kampf zwischen seinem fundamentalen vorherrschenden Trieb, den Penis zu erobern, sowie die Abwehrmaßnahmen dagegen. Denn wie Freud betont, ist Wissen das Gegenteil von Zweifeln, nämlich Beherrschen; und das Objekt dieser Beherrschung ist letztlich, wie wir meinen, immer der Penis…. Die Wissbegier ist gleichbedeutend mit der besitzergreifenden Introjektion des Penis. Und da diese Triebbewegung verboten ist, muss der Zweifel an die Stelle des Wissens treten. Dieses Schema – Wunsch den Penis zu erobern, und Abwehr dagegen – finden wir hinter allen Zwangserscheinungen“ (ebd. 65).

Das Inventar der Zwangsneurose

Aus Freud´s triebpsychologischer Sicht, ist die Zwangsneurose der klassische Konflikt zwischen dem Es mit seinen anal-aggressiven und sexuellen Impulsen und einem Ich, das sich viel stärker als bei der Hysterie gegen ein grausames, analsadistisches Überich erwehren muss. Im Gegensatz zur Hysterie, bei der es aus Kastrationsangst zur Verdrängung der angsterzeugenden Triebansprüche kommt, kann der ödipale Konflikt beim Zwang nicht ausreichend bewältigt werden, sodass es zur Regression zu Fixierungsstellen auf der analen Stufe kommt. Die Triebmischung wird teilweise rückgängig gemacht und es herrschen intensive Ambivalenzkonflikte zwischen Liebe und Hass, Zerstörung und Wiedergutmachungsarbeit, um das Überich zu besänftigen. Typische Abwehrmechanismen sind Reaktionsbildungen, die Verschiebung und Isolierung des angstmachenden Affekts, und das Ungeschehenmachen. Ritualisierung, magisches Denken, Sammelleidenschaft, die anale Trias von Pedanterie, Geiz und Sturheit prägen den analen Charakter. Das Denken wird beherrscht durch eine Überbesetzung logischer und intellektualisierender Formulierungen unter Aussparung des Affekts. Barnett (1966) meint, dass Zwangsneurotiker es vermeiden, ihren Erfahrungen mit anderen Bedeutung zu verleihen. Sie zerstören die Bedeutung von Worten und damit deren kommunikative Möglichkeiten aus Angst davor, abgelehnt oder beschuldigt zu werden. Nosologisch läßt sich eine Nähe des Zwangs zu Paranoia und Perversionen, wo der Analsadismus eine große Rolle spielt, ausmachen.

Fischer-Kern, Springer-Kremser (2008) betonen, dass „die Psychoanalyse heute bei Menschen, die die Symptomatik von Zwangsstörungen aufweisen, psychogenetische Differenzierungen vornehmen“ kann. Aus der Perspektive eines strukturorientierten Theorieansatzes und seiner Entwicklungsniveaus (Kernberg, 1985), die mit unterschiedlichen Angstsituationen korrespondieren, dient der Zwang der Abwehr typischer Angstarten. Bei der klassischen zwangsneurotischen Symptombildung steht die Kastrationsangst im Rahmen der ödipalen Situation im Vordergrund. Bei präödipalen Entwicklungsstörungen zentriert sich das Abwehrgefüge gegen die Angst vor Zerstörung des geliebten Objekts durch den eigenen Hass und bei psychotischen Störungen stellen Zwangsphänomene den Versuch dar, Fragmentierungsängste abzuwehren (ebd. 381 f.)

Brunnhuber (2001) sieht im Zwang auch eine progressive Abwehr einer oralen und narzisstischen Konfliktdynamik und betont, dass bei „frühen Störungen“, bei denen die Fähigkeit zur neurotischen Kompromissbildung nur unzureichend ausgebildet ist, die Symptombildung Ausdruck mangelnder Ich-Funktionen ist.

Quint, 1984, beschreibt, dass der Zwang bei ichstrukturell schwergestörten Patienten im Dienst der Selbsterhaltung steht.

Zwang als Symptom findet sich jedenfalls im gesamten Spektrum psychischer Pathologie. Nach Brunnhuber, 2001, sind Zwangserkrankungen häufige Störungsbilder und treten bei 2,5% der Bevölkerung (Lebenszeitprävalenz) auf, wobei Männer und Frauen gleich häufig betroffen sind. 80% erkranken vor dem 18. Lebensjahr. Der Verlauf ist in über 80% chronisch. Bei den Zwangsgedanken stehen Beschmutzungsphantasien (45%) und ein pathologisches Schulderleben (42%) im Vordergrund. Bei den Zwangs- handlungen vor allem Waschzwang (50%) und Kontrollhandlungen (63%)

Der Rattenmann

Bereits 1909 hat Freud das Vollbild einer Zwangsneurose in der Krankengeschichte des Rattenmannes eindrucksvoll dargestellt. Ich denke, dass diese Geschichte das Wirken des Zwangs nach wie vor großartig illustriert und möchte Sie hier bei diesem Einführungsvortag einladen, sie mit mir nochmals durchzuarbeiten und zu reflektieren.

Aus den Erzählungen dieses 29 jährigen Patienten, der bei Freud 11 Monate in Analyse war, erfahren wir, dass er eine sexuell sehr aktive Kindheit hatte. Bereits in der ersten Behandlungsstunde berichtet er über Intimitäten mit verschiedenen Kindermädchen . Er stellt es so dar, dass er sich als Vier- bis Siebenjähriger viele Freiheiten gegenüber den Fräuleins herausnahm und sie es gerne erlaubten, wenn er zu ihnen ins Bett kroch und unter ihren Röcken ihre Genitalien betastete. 1

Außerdem war er ein kleiner Voyeur und brannte darauf Mädchen, die ihm sehr gefielen, nackt zu sehen. Dabei trat bei diesen Wünschen ein unheimliches Gefühl auf, als müsste etwas Schlimmes geschehen, wenn er das dächte, z.B, dass sein Vater sterben würde, und er müsste allerlei tun, um es zu verhindern. Freud stellt fest, dass sein Patient schon als Sechsjähriger eine vollständig ausgebildete Zwangsneurose hatte: Dem Zwangswunsch, eine Frau nackt zu sehen, steht die Zwangsbefürchtung gegenüber, dass dann der Vater sterben müsse, und es mussten Maßnahmen zur Abwendung dieses Unheils gesetzt werden. Vermutlich lautete der latente innere Konflikt des Kindes in der Übersetzung etwa: Ich möchte das Mädchen so gerne nackt sehen, werde aber durch die Angst vor der Strafe des Vaters daran gehindert. Ich möchte, dass der Vater tot ist, damit ich meinen Lüsten ungehindert nachgehen kann, aber wenn der Vater tot ist wäre das ganz schrecklich für mich.

Diese „infantile Elementarneurose“ (Freud, 1909, 42) setzt sich im Erwachsenenalter fort, wobei neben den quälenden, schuldhaften Befürchtungen, dass dem Vater Schreckliches zustoßen könnte, nun als zweites Objekt seiner Ambivalenz, seine geliebte Dame die Bühne betritt.

Es ist seine, arme und kränkliche Cousine Gisela, in die er sich schwer verliebt hat und die er heiraten möchte, wovon ihm der Vater aber abrät, weil es nicht klug sei und er sich nur blamieren würde. Der geliebte Vater stirbt zwar ein Jahr später aber der Rattenmann verleugnet den Tod, bzw. bleibt mit dem toten Vater in ständiger gedanklicher Verbindung. Über 10 Jahre zieht sich bei ihm der Zweifel hin, ob er denn seiner Dame, die sein Werben auch schon mehrmals abgewiesen hat und sich auch mit anderen Verehrern abgibt, ernsthaft einen Heiratsantrag macht. Freud vermutete in dem Umstand, dass Gisela wegen einer Eierstockentfernung kinderlos bleiben würde, einen Grund für dieses Schwanken. Die meisten seiner Zwangsideen machen sich an den wechselnden Gefühlen gegenüber der Dame fest. Dazu ein Beispiel (ebd. 59):

Während eines Sommeraufenthalts kommt ihm plötzlich die Idee, er sei zu dick, und müsse abmagern. Er springt während des Essens auf und rennt in der Mittagshitze ohne Hut einen Berg hinauf, bis er schweißüberströmt halt machen musste. Neben dem Abmagerungsimpuls kam dabei auch eine unverhüllte Selbstmordabsicht zum Vorschein: Auf einem Felsabsturz kommt ihm plötzlich die Zwangsidee, da herunterzuspringen. Der Sinn dieser Zwangshandlungen erschloss sich für Freud und seinem Patienten, als diesem einfiel, dass sich auch die geliebte Dame in der gleichen Sommerfrische aufgehalten hatte; allerdings in Begleitung ihres englischen Vetters, der sich sehr um sie bemühte und auf den er sehr eifersüchtig war. Der Vetter hieß Richard und wurde, wie in England allgemein üblich, Dick genannt. Diesen Dick wollte er nun umbringen, er war auf ihn viel eifersüchtiger und wütender, als er sich eingestehen konnte, und darum legte er sich zur Selbstbestrafung die Pein jener Abmagerungskur auf. Immer wieder hatte er auch Suizidimpulse, die als Selbstbestrafungsreaktion auf eine ungeheure, unbewußte Wut gegen eine Person, die als Störerin der Liebe auftritt, erklärt werden können.

Sex hat er mit seiner Dame in der Phantasie beim Onanieren, wobei ihm die Zwangsidee kommt, dass er Gisela dadurch schädigen könnte. Er denkt sich deshalb komplizierte Gebete und Schutzformeln als Gegenmaßnahmen aus.

Das masochistische Festhalten an der Idee einer glücklosen Beziehung zur Dame scheint die Voraussetzung zu sein, für das Funktionieren der zwangsneurotischen Abwehr seines latenten Hasses aber auch seiner homosexuellen Wünsche auf den Vater. Wenn nämlich der Trieb in ganz anderen Beziehungskontexten zu seinem Recht kommt und ausgelebt wird, wie bei den ersten Koituserfahrungen des 26-Jährigen mit einer Gelegenheitsbekanntschaft (Kellnerin) – mehrere Jahre nach dem Tod des Vaters – kommt ihm nachher in den Sinn: „Das ist doch so eine großartige Empfindung, dafür könnte man alles tun, z.B. seinen Vater ermorden“ (Freud, 1955, 530).

Als der Rattenmann diesen bisher offenbar abgespaltenen Mordimpuls ,der auf die Aneignung des väterlichen Penis abzielt, in der Analyse erinnert, fällt ihm darauf auch gleich das zentrale traumatische Geschehen seiner Kindheit ein, das ihm von seiner Mutter wiederholt erzählt worden war: Als Dreijähriger hätte er etwas Arges angestellt, nämlich jemanden – vermutlich die Kinderfrau – gebissen und wäre vom Vater verprügelt worden. Dabei wäre er in eine schreckliche Wut geraten und habe noch unter den Schlägen den Vater wüstest beschimpft. Er meint der Eindruck dieser Szene sei sowohl für ihn, wie für den Vater ein dauernd wirksamer gewesen. Der Vater hielt erschüttert über diesen elementaren Ausbruch im Schlagen inne und äußerte: „Der Kleine da wird entweder ein großer Mann oder ein großer Verbrecher.“ Er habe ihn von da an „nie wieder geprügelt; er selbst leitete aber ein Stück seiner Charakterveränderung von diesem Erlebniss ab. Aus Angst vor der Größe seiner Wut, sei er von da an feige geworden. Er hatte übrigens sein ganzes Leben über schreckliche Angst vor Schlägen und verkroch sich vor Entsetzen und Empörung, wenn eines seiner Geschwister geprügelt wurde“ (Freud, 1909, 72).

Etwas später starb seine damals achtjährige Schwester, an der er sehr hing. Ihr Tod spielte in seiner Phantasie eine große Rolle in Zusammenhang mit seinen eigenen kindlichen Missetaten. Freud stellt in seinen Aufzeichnungen in den Originalnotizen fest: “Der Tod ist ihm nahegebracht worden, er hat wirklich geglaubt, dass man stirbt wenn man onaniert“ (Freud, 1955, 530).
Als der Patient mit dem Plan der Familie konfrontiert wird, dass er, sobald er sein Studium beendet hat, mit einem schönen, vornehmen Mädchen aus gutem Haus, verheiratet werden soll, gerät er in einen schwere Krise, die Freud als rezenten Anlass für den Ausbruch der Zwangsneurose erkennt.

Welche konfliktuöse Gemengelage tat sich hier auf?

Freud schreibt, dass einer der beliebtesten Zwangsideen seines Patienten lautet: „Wenn ich die Dame heirate, geschieht dem Vater ein Unglück.“ Ergänzt man diesen Satz um die aus der Analyse erschlossenen Zwischenglieder so lautet der Gedankengang: „Wenn der Vater lebte, so würde er über meinen Vorsatz, die Dame zu heiraten, ebenso wütend werden wie damals in der Kinderszene, so dass ich wiederum eine Wut gegen ihn bekäme und ihm alles Böse wünschte, was sich kraft der Allmacht meiner Wünsche an ihm erfüllen müsste“ (Freud, 1909, 87).

Der Plan der Mutter, ihn an die schöne, reiche, gebährfähige, junge Tochter eines Geschäftspartners zu verheiraten, stört nun das Gleichgewicht der zwangsneurotischen Abwehr empfindlich. Das Gleichgewicht, das sich in den zwei Konflikten manifestiert, die ihn jahrelang bewegt haben. Nämlich: „ob er dem Vater gehorsam und ob er der Geliebten treu bleiben soll.“(S.81) Hätte er sich für die gute Partie entschieden, die ihm seine Mutter zudachte, wäre er genau in die Fußstapfen seines Vaters gestiegen. Der war seinerzeit in der gleichen Situation und hatte des Geldes wegen und um seine Spielschulden bezahlen zu können, seine wahre Geliebte verlassen und die reiche, spätere Mutter des Rattenmannes geheiratet. Sollte er jetzt die gleiche Schuld auf sich nehmen wie der Vater?

Er entzog sich diesem Konflikt durch Steigerung seiner Symptome, die eine hartnäckige Arbeitsunfähigkeit und eine jahrelange Verzögerung des Studienabschlusses zur Folge hatte. Damit hatte er die gute Partie verspielt und mußte sich weiter mit der Vermeidung von zwanghaften Ängsten und schuldhaften Befürchtungen herumschlagen, seiner Dame aber auch dem Vater im Jenseits könnten schreckliche Dinge zustoßen. Hier imponiert der Rattenmann als „gehemmter Rebell“ – im Sinne Langs(1986) – gegen das väterliche Vorbild.

Seine Ambivalenz gegenüber der Dame drückt sich schön in der Zwangshandlung vom „Stein auf der Straße“ (Freud, 1909, 60)aus: Er stieß mit dem Fuß gegen einen auf der Strasse liegenden Stein. Den musste er nun auf die Seite räumen, weil ihm einfiel, dass in einigen Stunden der Wagen der abreisenden Dame auf dieser Straße fahren und sich vielleicht durch den Stein ein Unfall ereignen könnte. Doch einige Minuten später fiel ihm ein, dass das doch wohl ein Unsinn sei und er war gezwungen nun zurückzugehen und den Stein wieder in die Mitte der Straße zu legen. Es ist der innere Kampf zwischen Liebe und Hass, die derselben Person gelten, die sich in dieser Zwangshandlung symbolisiert, wo zuerst der Stein aus dem Weg geräumt wird, um dann diese Liebestat wieder rückgängig zu machen, den Stein wieder hinzulegen, um damit einen Unfall oder den Tod der gehassten Geliebten mittels der Allmacht seiner unbewußten Bestrafunggedanken herbeizuführen. Denn der zweite Teil der Zwangshandlung – das Wiederhinlegen des Steins – ist keine kritische Zurücknahme des als Unsinn abgetanen Zwangs, sondern im Gegenteil Ausdruck des verdrängten Hasses gegen die Dame.

Nun wäre dieser Fall nie in die Geschichte der Psychoanalyse eingegangen, wenn ihm nicht ein ganz besonderes äußeres Ereignis zu einer dramatischen Zuspitzung verholfen hätte. Ein Ereignis, das eine ganz bestimmte Affektqualität – nämlich das lustvolle Grausen – in die Geschichte hereingebracht hat.

Es ist die Konfrontation mit der Erzählung über die Rattenstrafe oder Rattenfolter, die die entscheidende Wende brachte:
Zwei Monate bevor er seine Analyse bei Freud begann, absolvierte der Rattenmann eine mehrtägige Waffenübung beim Militär. Bei einer Rast während eines längeren Fußmarsches nahm er neben einem Hauptmann Platz, „der offenbar das Grausame liebte“, und ihm erzählte, dass er von einer besonders schrecklichen Folter im Orient gelesen hatte. Der Verurteilte wird dabei angebunden und über sein Gesäß ein Topf mit Ratten gestülpt, die sich dann in den After einbohren, was schließlich zum qualvollen Tod führt.

Diese Geschichte löste gewaltige Irritationen beim Rattenmann aus: Zuerst sieht er in dem grausamen Hauptmann den Agressor und denkt: „dich sollte man auf diese Art strafen.“ Dann tritt ganz massive Angst auf, die sich um die absurde Vorstellung bündelt, diese grässlichen Strafe würde an seiner geliebten Dame – aber auch an seinem toten Vater vollzogen werden. Zur Abwehr dieser Zwangsbefürchtung, hinter der sich ein kaum verhüllter analsadistischer Triebwunsch verbirgt – Freud bemerkt während der Erzählung im Gesichtsausdruck seines Patienten „ein Grausen vor seiner ihm selbst unbekannten Lust“ – entwickelt er ein System von sogenannten „Sanktionen“ damit sich eine solche Phantasie nicht erfüllt. Das war für den Rattenmann schließlich der Anlass für den Beginn der analytischen Kur.

Wie kann eine solche Reaktion verstanden werden?

Der Inhalt dieser Erzählung des grausamen Hauptmanns bot offenbar ein geeignetes Inventar für die phantasmatische Umarbeitung infantiler Erinnerungen im Sinne des Konzepts der Nachträglichkeit (Laplanche, Pontalis, 1972). Einer Umarbeitung infantiler Erlebnisse und Traumatisierungen, die zum Zeitpunkt des Erlebens noch nicht in einen Bedeutungszusammenhang integrierbar waren und erst nachträglich einen Sinn und eine Wirksamkeit entfalten konnte. (Laplanche, Pontalis, Vokabular, 1972).

Meine These ist, dass die Rattenerzählung eine Struktur bereitstellt, in der sich die bewussten und verdrängten Phantasien zu einem Bedeutungsgewebe, zu einem neuen Phantasma mit dem Fokus der Rattensymbolik verdichten konnten und den Rattenmann für die Behandlung bei Freud damit erst „anschlussfähig“ machten. Dies zeigte sich schon in der Eingangsübertragung, wo er Freud mehrmals mit „Herr Hauptmann“ anspricht.

Die Erzählung von der Rattenstrafe hatte eine Menge von Erinnerungen und Triebregungen vor allem der Analerotik und des Analsadismus geweckt, aber ihnen auch eine neue Ausdrucksform, die „Ratte im After“, gegeben. In der „Ratte im After“ findet die Fixierung auf die Analität also ihren Ausdruck. Sie erschließt verschiedenste Bedeutungskomplexe:

Sie steht z.B. für Geld und verweist auf die Erbschaft und auf die Peinlichkeit der Spielschulden des Vaters (dieser „Spielratte“), aber auch auf das Honorar für die Analyse.

Über die Ratte als Infektionsträger und Symbol für die Syphilis spannt sich ein Bedeutungsbogen zum Vater und dessen zweifelhafter Lebensführung während des Militärdienstes. Ebenso wird die Ratte zum Symbol des Penis und des besonders schambesetzten Analverkehrs. Sie ist Ausdruck einer schuldhaft erlebten, passiv – homosexuellen Phantasie, bei der die analsadistische Introjektion des väterlichen Penis über die masochistische Identifizierung mit der Mutter erfolgt (Grunberger, 1965, 50). Einem analen Penis, den der Rattenmann aber wie eine Schuld zurückerstatten muss, was ihn wiederum in ein System von Zwangsideen stürzt.²

Neben dem Bild der schmutzig aggressiven, gefrässigen, mit scharfen Zähnen nagenden und bissigen Ratte, wird auch die Erinnerung an die Rattenvernichtung geweckt. Der Patient sah mit Grausen zu, wie sie grausam verfolgt und schonungslos erschlagen wurden, sodass sich bei ihm Mitleid mit den Ratten einstellte. Jetzt – so Freud – wird deutlich, dass Ratten auch Kinder bedeuten und dass der Patient in seiner kindlichen Wut selbst einer Ratte ähnelte. „Nun war er selbst ein so ekelhafter, schmutziger, kleiner Kerl gewesen, der in der Wut um sich beißen konnte und dafür fürchterlich gezüchtigt worden war. Er konnte wirklich sein „ganz natürlich Ebenbild“ in der Ratte finden.“ Freud (1909, 79) zitiert hier aus Goethe`s Faust, worauf ich unten noch zurückkomme. Folgen wir Freud´s Deutung, dann stellte der grausam lüsterne Impuls, den die Rattenerzählung auslöste, jetzt also nachträglich die Verbindung zu dieser Kinderszene her, wo er selbst gebissen hatte und von seiner ohnmächtigen Wut beherrscht war, sodass er fürchten musste, erschlagen zu werden. Freud beendet seine Krankengeschichte mit dieser Deutung, in der er Ratten mit Kindern gleichsetzt. Damit gelang es ihm, die Zwangsidee der Rattenstrafe schließlich aufzulösen.

Fischer-Kern, Springer-Kremser (2008) verweisen eindrucksvoll darauf, dass für Freud beim Rattenmann der ödipale Konflikt und die Beziehung zum Vater im Vordergrund steht. Die hochambivalente Beziehung zur Dame, in der sich der Konflikt mit der präödipalen, phallischen Mutter spiegelt, verblasste daneben. Elisabeth Zetzel (1966) arbeitete die Bedeutung der Störungen in der prägenitalen Entwicklung des Rattenmanns für das Verständnis seiner Pathologie heraus. Wir können vermuten, dass sich der Patient nach der Geburt des jüngeren Bruders mit 18 Monaten stark an die ältere Schwester als mütterliches Ersatzobjekt angelehnt hat, die er durch deren überraschenden Tod als Vierjähriger wieder verliert. Diese Traumatisierung – „bedingt durch das kindliche Unvermögen, den Verlust eines inzestuösen Objekts durchzuarbeiten“- wird von Zetzel als auslösendes Moment für den realitätsverzerrenden Umgang mit späteren Verlusten – besonders den des Vaters angesehen. In Gisela findet er schließlich einen Ersatz für die tote Schwester. So kommen auch Fischer-Kern und Springer-Kremser (2008) zum Schluss, dass Gisela den immanenten Tod im Unbewußten des Patienten repräsentiert.
Freud aber bleibt mit seinem Rattenmann in der latent homosexuellen Männerwelt und steigt nicht mit ihm in das „Reich der Mütter“ hinab. Dazu passt ja auch das Zitat aus Goethe´s Faust (Goethe, 1809) von der Freud´s Deutung stark inspiriert war. Bei Goethe heißt es: „Er sieht in der geschwollnen Ratte sein ganz natürlich Ebenbild.“ Es ist der bösartig, neckende Schlusssatz einer Szene in Auerbachs Keller, wo ein feuchtfröhlicher Männerbund ein Trinklied singt. In diesem Lied geht es um eine Ratte, die von der Köchin vergiftet, in ihren letzten Sekunden noch einen wild aggressiven Totentanz vollführt. Der Männerchor grölt dazu: „Als hätte sie Lieb im Leibe“. Das Geschwollene lässt uns hier vielleicht voreilig an den vom Vater entwendeten analen Penis denken, oder an den schwangeren Bauch der Mutter. Aber letztlich sind wir im Anblick der aufgequollenen, vergifteten Ratte wieder mit dem Tod konfrontiert.

Mag sein, dass es Freud gelungen ist entlang seiner ödipalen Deutungslinie die Zwangsneurose aufzulösen. Voraussetzung dafür war aber, dass im Rahmen des Übertragungsgeschehens jene verdrängten, infantilen Wut- und Hassgefühle auf den Vater und seine Ersatzobjekte wieder erlebt und bearbeitet werden konnten und der Rattenmann die beruhigende Erfahrung machen konnte, dass sich Freud von der Allmacht seiner sadistischen Gedanken nicht zerstören ließ. Fischer-Kern, Springer-Kremser (2008) sehen in der positiven Identifizierung mit Freud als Vaterfigur den zentralen Faktor für die verbesserten Möglichkeiten des Patienten, die in der Analyse ungelösten innerpsychischen Konflikte zu meistern.³

Anmerkungen:

1)
Freud lässt gegenüber dem Leser durchklingen, dass er solchen Kindheitserinnerungen wenig Realitätsgehalt beimisst, weil „der heranwachsende Mensch in diesen Phantasiebildungen über seine erste Kindheit das Andenken an seine autoerotische Betätigung zu verwischen sucht, indem er seine Erinnerungsspuren auf die Stufe der Objektliebe hebt…“ (Freud, 1909, 72)

2)
Siehe die delirienartigen Zwangsideen rund um die Rückgabe der lächerlichen 3,80 Kronen für die Bestellung eines neuen „Zwickers“ per Nachnahme, weil er den alten am Rastplatz liegengelassen hatte.

3)
“(Zusatz 1923:) Der Patient, dem die mitgeteilte Analyse seine psychische Gesundheit wiedergegeben hatte, ist wie viele andere wertvolle und hoffnungsvolle junge Männer im großen Krieg umgekommen.“(Freud, 1909, 103)

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